Begabung und Berufung

Viele Menschen bewegt die Frage nach ihrer Berufung. Sie fragen sich, warum sie hier sind und worin ihre Aufgabe besteht, und begeben sich auf die Suche nach Antworten. Eher selten wird bei dieser Suche den eigenen Begabungsmustern hinreichende Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei signalisiert schon die Sprache eine inhaltliche Nähe dieser Themenfelder. Eine Gabe verweist auf eine Auf-Gabe. Und in jeder Auf-Gabe ist das Wort „Gabe“ im Wortstamm unlösbar verankert. Gaben und Aufgaben gehören zusammen, und die vielzitierte Berufung ist das verbindende Element zwischen beiden.

 

Daß so viel von Berufung zu lesen und zu hören ist, mag vielleicht daran liegen, daß sie von nur wenigen Menschen angenommen und gelebt wird. Gelebte Berufung ist ohne Bewußtheit und Entfaltung der eigenen Begabung unmöglich. Das könnte heißen: Wer seine Begabungen nicht kennt und lebt, hat es mit dem Finden von Berufung und Aufgabe schwer.

 

Das international renommierte Gallup-Institut hat durch jahrzehntelange, weltweit durchgeführte Studien und Befragungen herausgefunden, daß ca. 80% der Menschen in ihren alltäglichen beruflichen Aktivitäten ihre spezifischen Begabungen kaum oder überhaupt nicht einbringen (können). In diesen Studien wurden Millionen von Menschen in tausenden Unternehmen auf allen Kontinenten befragt.* Die Studien haben also Gewicht und Aussagekraft und führen zu der Schlußfolgerung, daß der Großteil der Menschen einen Großteil ihres Arbeitslebens mit der Lösung von Aufgaben verbringen, bei denen ihre Begabungen weder gefragt, noch gefordert sind. Kein Wunder, daß so Viele an ihrer Arbeit keine Freude haben und sie diese meist nur als Broterwerb sehen. Da aber die Arbeitssphäre einen erheblichen Teil unserer gesamten Lebenszeit beansprucht, läßt das vermuten, daß die Mehrzahl der Menschen im Wesentlichen an sich selbst vorbei lebt. Ein erfülltes Dasein aber ist gekoppelt an Aufgaben, die unseren Veranlagungen entsprechen. Solchen Aufgaben widmen sich Menschen gern, an ihnen können sie wachsen, sie sind ihnen ein Quell innerer Erfüllung und Freude.

* siehe:
Marcus Buckingham, Donald O. Clifton: "Entdecken Sie Ihr Stärken jetzt", Campus-Verlag, 2016, 5. Auflage


Diese Frage ist übrigens auch von großer Bedeutung für Teamstrukturen und unternehmerische Zusammenhänge. Was in der klischeehaften, also oberflächlichen Betrachtung wie ein narzisstischer Ego-Trip des Einzelnen anmutet, ist in der Tiefe eine Frage nach unentdeckten Möglichkeiten der Vielen in der Gemeinschaft und somit auch der Gemeinschaft selbst - sei sie ein Unternehmen oder eine andere Form von Organisation. 

 

Wenn ca. 80% der Menschen tagtäglich in Strukturen eingebunden sind, in denen Begabung keine Beachtung findet, heißt das, daß die meisten Unternehmen ca. vier Fünftel ihres Potentials, ihrer inneren Möglichkeiten verschenken und ungenutzt lassen. So werden  Menschen in Fortbildungen geschickt, wo meist lediglich Schwächen „bekämpft“, kaum aber mögliche Stärken gefördert werden. Und die internen Strukturen, die Menschen in ihren Möglichkeiten begrenzt, bleiben weiterhin bestehen. So behindert sich das Unternehmen selbst, vor allem die Entfaltung dessen, was als innewohnendes Potential veranlagt ist und in die Entfaltung drängt, aber so nicht werden kann. Vier Fünftel der Leistungspotentiale innerhalb der Organisation bleiben unerschlossen und ungenutzt! Das müßte eigentlich jeden, der Führungsverantwortung hat, aufhorchen lassen.

 

Sich der Suche von Begabungen, Berufung und Aufgaben eines Menschen zu widmen, ergibt also nicht nur für den betreffenden Menschen, sondern auch für die Teams und Organisationen, in denen er wirkt, einen tiefen Sinn. 

 

Doch eben jene Suche nach der Berufung scheint oft schwierig, verworren und verwirrend. Das ist sie aber nur solange, wie ein Navigationssystem fehlt. Das jedoch „tragen“ wir alle mit uns herum - in der Gestalt unserer eigenen Talentsignaturen, die uns fortwährend Hinweise auf unsere Berufung geben. Dadurch „empfehlen“ sich unsere Begabungen als konkretes Erkundungsfeld. Gelingt es, ihre Botschaften zu entschlüsseln, dann finden wir die Antworten, die wir suchen.

 

In diesem Sinne sind unsere Talente ein ergiebiges Terrain für die Forschung, denn bei genauer Betrachtung gleichen unsere Veranlagungen oft einem fremden Land voller Wunder. Begeben wir uns also auf eine Expeditionsreise in die innere Welt unserer unentdeckten Möglichkeiten. Vier Fünftel der Leistungspotentiale innerhalb der Organisation bleiben unerschlossen und ungenutzt!